Guter Klang braucht Zeit

Herr Schleske, wenn ich mir von Ihnen eine Geige bauen lassen möchte – wie würden wir ins Geschäft kommen?

Grundlegend für meine Arbeit ist es, jeden Kunden möglichst gut kennenzulernen und herauszufinden, was er für ein Mensch ist. Denn die Geige, die ich baue, soll zu seinem Wesen passen. Beginne ich mit dem Bauen, weiß ich zunächst nicht, wer dieses Instrument einmal bekommen wird. Erst während des Herstellungsprozesses spüre ich, in welche Richtung es geht. Deshalb lege ich mich auch nie auf ein Datum für die Fertigstellung fest. Sobald ich das Gefühl habe, dass die passende Geige für den Kunden entstanden ist, rufe ich ihn an. Die Geige, an der ich gerade arbeite, hat zum Beispiel etwas sehr Inniges, Empfindsames. Wenn man auf ihr spielt, entfaltet sie eine fast tröstende Kraft. Für dieses Instrument habe ich eine bestimmte Kundin im Blick, zu der diese Eigenschaften gut passen.

 Wie entsteht dieser individuelle Charakter?

Jede noch so kleine handwerkliche Veränderung beeinflusst auch den Klang. Mache ich das Holz an einer Stelle beispielsweise um einen Zehntel Millimeter dünner, verändert das den Klang. Was vorher als bombastisch empfunden wurde, klingt nun auf einmal leicht und zart.

Welches Holz verwenden Sie, wenn Sie eine Geige zu bauen?

Eine Geige besteht aus verschiedenen Holzarten. Für die Oberseite verwende ich Bergfichte. Der Boden, die Seitenteile und der Hals sind aus Bergahorn, das Griffbrett aus Ebenholz. Für den Klang ist es wichtig, dass mehrere Holzarten zum Einsatz kommen und nicht nur eine. Allerdings ist es eine große Kunst, das passende Holz zu finden. Nur einer von 1000 Baumstämmen eignet sich für den Instrumenten bau. Das ist dann der sogenannte Sängerstamm.

Welche Kriterien muss ein solcher Stamm erfüllen?

Der Baum muss feine und eng beieinander liegende Jahresringe haben. Die bekommt er aber nur, wenn er in rauem Klima und auf magerem Boden gewachsen ist. Er muss Krisen und harte Zeiten durchlebt haben, damit sein Holz gut klingt. Früher habe ich dieses Holz noch selbst im Wald ausgesucht. Inzwischen gehe ich zu Händlern, die ihr Holz in den Hochgebirgsregionen schlagen. Dem-nächst werde ich ein Holz verarbeiten, das bereits 1884 geschlagen wurde.

 Wie lange dauert es, bis Sie eine Geige fertiggestellt haben?

Pro Geige brauche ich etwa 150 bis 200 Arbeitsstunden, das meiste davon ist Handarbeit. Selbst den Lack trage ich zum größten Teil nicht mit dem Pinsel, sondern mit den Händen auf. So kann ich ein besseres Gespür dafür entwickeln, was die Geige braucht.

Wer kauft Ihre Geigen?

Meine Kunden kommen aus der ganzen Welt, zum Beispiel aus Südkorea und der Schweiz, aus Thailand und Kuwait. Nächste Woche wird mich ein Kunde aus Chicago besuchen.

Mit jeder Ihrer Geigen setzen Sie sich intensiv auseinander. Fällt es Ihnen manchmal schwer, das Inst-rument zu verkaufen?

Es wäre traurig, wenn die Geigen alle in der Werkstatt bleiben würden. Dann hätte ich nämlich keine Motivation mehr, weiter zu bauen. Und obwohl berühmte Musiker meine Instrumente spielen, war ich bisher nie mit einer Geige so zufrieden, dass ich sie behalten wollte. Ich hoffe, dass es mir vergönnt sein wird, mit 85 Jahren meine beste Geige zu bauen.

Sie haben zusätzlich zur Ausbildung als Geigenbauer und der Meisterprüfung auch Physik studiert. In-wiefern nützt Ihnen die Physik beim Geigenbau?

Die Physik ist meine Spezialität. Ich habe ein Akustiklabor, in dem ich die Geigen analysieren und ihren akustischen Finger-abdruck bestimmen kann. Aber Technik und Geräte sagen noch nichts aus über den Klang des Instruments. Akustik ist eine Größe der Physik, die sich messen lässt. Klang hingegen entsteht erst im Moment des Hörens – er ist eine Empfindungsgröße. Wie das Instrument als Ganzes wirklich geworden ist, wie sein Klang beschaffen ist, lässt sich nicht messen. Das kann ich nur spüren.

Einfühlungsvermögen lässt sich also durch High Tech nicht ersetzen?

Nein, denn das Wichtigste im Geigenbau ist die Intuition, das Bauchgefühl. Ich muss spüren, was das Holz braucht, und was der Mensch, der die Geige spielen wird, braucht. Um das herauszufinden, ist langjährige Erfahrung nötig. Der berühmte Antonio Stradivari hat von den 93 Jahren seines Lebens 80 Jahre mit Geigenbauen verbracht. Richtig gut wird man erst, wenn man etwas sehr lange macht.

Was ist das besondere an einer Schleske-Geige?

Bei jedem guten Geigenbauer spürt man, worum es ihm geht. Ich möchte Instrumente bauen, die einen leidenschaftlichen Klang haben. Ich suche nicht das Abgeklärte und Distanzierte. Ich will Geigen, mit denen man kämpfen kann, die Energie aufnehmen. Das ist meine Handschrift.

Klänge haben die Macht, uns tief zu berühren und starke Gefühle auszulösen. Wie ist dieses Phänomen zu erklären?

Auch wenn es für unsere Ohren oft nicht hörbar ist: Alles auf der Welt und im Kosmos klingt und schwingt. Sogar die Sterne weit draußen im All singen, indem sie vibrieren und Schallwellen aussenden. Alle Materie besteht aus Schwingung, ob nun Mensch, Holz oder Stein, und wir sind ein Teil dieses universellen Klangs. Man könnte sagen, dass der Klang zur tiefsten Natur des Menschen gehört und dass das Leben im Grunde ein gewaltiges Konzert ist.

Martin Schleske (51) ist Geigenbaumeister und diplomierter Physikingenieur. Auch als Autor hat sich der gebürtige Stuttgarter einen Namen gemacht. Sein neuestes Buch heißt „Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens“ (adeo Verlag, 22,99 Eu-ro). Martin Schleske lebt mit seiner Familie in Landsberg am Lech.

Erschienen in:

Südwestpresse 28.9.2016

https://www.swp.de/guter-klang-aus-altem-holz-23081549.html