Ihr müsst kein Kopftuch tragen

Ein Stück Stoff ist zum Aufreger geworden. Das Kopftuch, in unserer Gesellschaft inzwischen deutlich sichtbarer als noch vor einigen Jahren, sorgt für kontroverse und emotional geführte Auseinandersetzungen: zwischen Vertreter(innen) des konservativ-politischen und des liberalen Islam, zwischen Menschen ohne und mit Migrationshintergrund, zwischen Feministinnen der alten Schule und denen der queer- und Genderbewegung. Muslimische Frauen, die es tragen, müssen sich erklären. Und die, die es nicht tun, ebenfalls. Das Kopftuch ist mehr als ein Stück Stoff.

Seit etwa zwei Jahren wird das Für und Wider vermehrt publizistisch ausgetragen. Eine Stimme in der Debatte ist Abdel-Hakim Ourghi. Er gehört zum Lager der liberalen Muslime, die sich um eine kritische Revision des Koran sowie der Hadithe (Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen Mohammeds) und eine darauf basierende Reform des Islam bemühen.

1968 in Algerien geboren und aufgewachsen, wurde er an der Universität in Freiburg mit einer islamwissenschaftlichen Arbeit promoviert. Seit 2011 leitet er an der dortigen Pädagogischen Hochschule den Fachbereich Islamische Theologie/Religionspädagogik.

Der Titel seines 2018 erschienenen Buches „Ihr müsst kein Kopftuch tragen“ ist Programm. Auf 144 Seiten legt der Wissenschaftler Gründe für die These dar, nach der das Kopftuch vor allem ein Instrument patriarchaler Unterdrückungsstrukturen ist. Mitnichten sei die Verschleierung eine religiöse Vorschrift oder ein religiöses Symbol, sondern ein „historisches Produkt der männlichen Herrschaft“. Und eine Frage des Brauchtums. Weite Teile der arabischen Welt hatten sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dieses Brauches entledigt, bis Ayatollah Khomeini nach der iranischen Revolution 1979 die Verschleierung wieder verpflichtend einführte.

Inzwischen würde das Kopftuch wieder gezielt eingesetzt, um „symbolische Gewalt“ gegenüber Frauen auszuüben, als „Werkzeug zu ihrer Verleugnung und Unterwerfung“, schreibt Ourghi. Eindrücklich sind die Beispiele von in Deutschland lebenden Frauen, die der Autor als Belege anführt: Weil sie sich der Verschleierung bewusst entziehen, werden sie von ihren Gemeinden und Familien mit Disziplinarmaßnahmen bestraft, denunziert und isoliert. Umgekehrt geraten Mädchen und junge Frauen unter massiven Druck, sich durch das Tragen des Kopftuchs treu gegenüber der kollektiven Identität der muslimischen Gemeinschaft zu zeigen.

Scharf kritisiert der Religionspädagoge die Toleranzbekundungen seitens der christlichen Kirchen. Aus Angst, als islamophob deklariert und in die Ecke rechtspopulistischer Gruppierungen gestellt zu werden, versagten sie sich kritische Anmerkungen und torpedierten dabei den Kampf muslimischer Frauen gegen die Verschleierung. Auf der anderen Seite stärkten sie konservativen muslimischen Gemeinden den Rücken.

Kritisch ist anzumerken, dass dem Buch ein ordnendes Lektorat gut getan hätte: um die Ausführungen klarer zu strukturieren und manche Langatmigkeit und Wiederholung zu vermeiden. Insgesamt ist „Ihr müsst kein Kopftuch tragen“ jedoch ein informativer, engagierter und überzeugender Beitrag, über den es sich zu diskutieren lohnt.

Ihr müsst kein Kopftuch tragen. Aufklären statt verschleiern
von Abdel-Hakim Ourghi, Claudius Verlag, München 2018

Erschienen in:

„Die Mitarbeiterin“, Werkheft der kfd, Ausgabe 5.2019