Mal was von der Seele reden

Ich weiß, was ich falsch gemacht habe. Rumgewütet, Papa gegen‘s Schienbein getreten und mich nicht dafür entschuldigt. Puh, jetzt ist es raus. Ich schaue auf den Boden der Sakristei. Der Pfarrer sagt, ich solle es nicht wieder tun. Mit einem Vaterunser und einem Ave-Maria entlässt er mich, lächelnd. Geschafft. Das war 1979. Ich war acht, kurz danach ging ich zur Erstkommunion. Meine erste Beichte und meine letzte. Für eine Katholikin ist das eine überschaubare Bilanz.

Ich höre mich um im Freundeskreis: Alle haben immerhin drei, vier, fünf Mal im Leben das Bußsakrament empfangen – bevor sie sich davongemacht haben. Weil es ihnen nichts gebracht hat. Weil sie ihren Pfarrer nicht ernst nehmen konnten. Weil sie eine Therapeutin vorgezogen haben. Die Älteren sagen, dass ihnen die Beichtpflicht der 50er- und 60er-Jahre noch in den Knochen steckt. Das kleinliche Aufzählen, die peinlichen Momente, die hastig gemurmelten Formeln. Freiwillig beichten? Nein, danke. Eine Freundin fragt mich zurück: Warum warst Du nur einmal? Weil da immer mehr Zweifel als Glauben war. Beichten hätte sich falsch angefühlt für mich.

Die Aussagen bilden ab, was in Mittel- und Westeuropa seit Jahrzehnten Trend ist: Kirche befindet sich in einem Prozess der Auflösung, und mit ihr auch die Beichte. Kaum einer geht noch hin, selbst im grundkatholischen Polen nimmt die Häufigkeit ab. Sozialer und institutioneller Druck haben ihre Wirkkraft verloren. Bereits 1972 berichtete das Magazin „Der Spiegel“ von einem „rapiden Rückgang der Beicht-Zahlen“. Mangels Nachfrage haben manche Pfarreien das Angebot ganz abgeschafft, Beichtstühle wurden entsorgt oder dienen als Abstellkammern für Staubsauger und Putzeimer. Als ich die Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz um Fakten bitte, kommt ein Zweizeiler zurück: Daten und Untersuchungen zu diesem Thema seien ihnen nicht bekannt. Selbst die haben schon kapituliert.

Keine magische Reinwaschung

Jenny Elvers legte bei RTL eine „Alkohol-Beichte“ ab, Lance Armstrong bekannte sich im US-Fernsehen zum Doping, für weniger prominente Menschen gibt es Reality Shows. Das Bedürfnis ist da: Fehltritte einzugestehen und auf Vergebung zu hoffen. Öffentlich, vor einem Millionenpublikum. Die traditionelle katholische Beichte hingegen liegt im Sterben. Über diese Diagnose will ich mit Pater Karl Kern sprechen. Pater Kern – 70 Jahre, millimeterkurz gestutzter Bart, hohe Stirn, Brille – ist Jesuit. Die Jesuiten sind die Freigeister der katholischen Kirche. Gebildet, bisweilen elitär. Der Volksmund übersetzt das Ordenskürzel SJ mit „schlaue Jungs“. Wir treffen uns in der Münchner Innenstadt, in St. Michael, einem Prachtbau aus dem 16. Jahrhundert. Pater Kern ist dort Kirchenrektor und einer der Beichtväter. Irgendetwas müssen sie hier anders machen, denn St. Michael ist ein Beicht-Hotspot. Während das Angebot im Münchner Stadtgebiet immer weiter ausdünnt, kommen sie in die Jesuitenkirche zu Hunderten, jede Woche.

Überwiegend sind es Menschen zwischen 25 und 45. Die Pönitenten, so das offizielle lateinische Wort für „Büßende“, können wählen zwischen Beichtzimmern für längere Gespräche und Beichtstühlen mit Sitzgelegenheit oder Kniebank – für das „kurze Setting“, wie es Pater Kern nennt. Die Beichte, findet der Jesuit, ist ein zukunftsfähiges Sakrament. Ich staune. Wie das? Weil sie so einzigartig ist. Wo sonst könne man sich kostenlos, unangemeldet, im Rahmen eines klaren Rituals und unter absoluter Verschwiegenheit etwas von der Seele reden. Begleitet von einem hoffentlich einfühlsamen Beichtvater. „Für eine begrenzte Zeit leiht mir jemand sein Ohr und sein Herz, damit ich mich öffnen kann.“ Nach so etwas sehnten sich die Menschen. Nicht nach Facebook und der nächsten SMS, sondern nach echter, existenzieller Aussprache. „Während der Beichte sage ich oft: Sie dürfen hier so sein, wie Sie sind. Lassen Sie sich fallen.“ Beichte sei ein bisschen wie eine Müllhalde, wo Menschen etwas abladen können. Oder wie ein Wellness-Studio, in dem sie aufgebaut werden.

Aussprechen, sich fallen lassen – geht es denn nicht vor allem ums Bekennen der Sünden? Pater Kern klärt auf: „Beichte ist niemals nur ein Sündenbekenntnis und erst recht keine magische Reinwaschung. Sie ist ein helfendes, heilendes Gespräch vor Gott und im Lichte des Evangeliums.“ Vergleichbar mit der Geschichte bei Lukas, wo Jesus eine verkrümmte Frau heilt. Damit sie wieder aufrecht durchs Leben gehen kann.

Was vordergründig als Sünde bezeichnet werde, habe immer einen Grund, eine tiefere Ursache. Im Beichtgespräch gehe es darum, diese Ursache behutsam freizulegen. „Sie können nur das verändern, was Sie verstehen. Deshalb müssen Sie sich selbst verstehen lernen.“

Das klingt anders als erwartet. „Ja,“, sagt der Pater, „es hat sich einiges verändert. Früher hat man oft das richtende Moment der Beichte betont. Da ist viel kaputtgemacht worden, vor allem durch die Ausfragerei in sexuellen Dingen.“ In welchem Ausmaß die Beichte missbraucht wurde, um Menschen in Scham und Schrecken zu halten, hat der britische Historiker John Cornwell in einem 2014 erschienenen Buch aufgedeckt. Unter anderem prangert er die rigiden Bestimmungen der katholischen Sexualmoral an, unter denen Gläubige Jahrhunderte zu leiden hatten und deren Überschreitung im Beichtstuhl häufig obsessiv thematisiert wurde. Um Sexualität gehe es auch heute immer wieder, sagt Pater Kern. Um Pornografie, Nebenbeziehungen, Homosexualität. „Ich ermutige dazu, die Schuld- und Schamgefühle auf die Seite zu legen, zu erspüren, was dahinter verborgen ist und warum es sein Ventil finden will durch das als problematisch empfundene Verhalten.“

Zeichen für die Nähe Gottes

Ein Freund von mir geht regelmäßig zum Therapeuten. Vieles von dem, was er erzählt, finde ich wieder in den Worten des Jesuiten. Doch es gibt Unterschiede: „Bei einer Therapie bearbeitet man etwas Auge in Auge. Bei der Beichte richten wir uns nach Gott aus und ergründen, welcher Impuls von dort kommen könnte.“ Als Beichtvater stehe er, anders als ein Therapeut, immer im Dienst von etwas Größerem. „An Christi statt bitte ich: Lass dich mit dir selbst, mit deiner Lebensgeschichte, mit deiner Familie versöhnen. Sag Ja dazu.“ Es gibt Kräfte zwischen Himmel und Erde, die keine Familienaufstellung und keine tiefenpsychologische Analyse in den Griff bekommt, findet Pater Kern. „Als Gläubige können wir vertrauen, dass Gottes Kraft alle Wege mit uns geht. Die Beichte ist ein Zeichen für diese Nähe Gottes.“ Gerade noch kann ich die Tränen zurückhalten. Gläubig sein, vertrauen, mich versöhnen – das würde ich auch gerne. Kommen Menschen deshalb nach St. Michael? Weil sie sich dort berühren lassen dürfen? Weil sie sehnsüchtig und erlösungsbedürftig sein dürfen?

Zwei Wochen später treffe ich eine Freundin, eine von den Suchenden, Nachdenklichen. Und Beichtgeschädigten. Ich erzähle ihr von dem Gespräch mit dem Pater, vom Verstehen und vom Aufrichten, von Müllhalden und Wellness-Studios. „Das hört sich gut an“, sagt sie. „So wohltuend. Vielleicht gehe ich da mal hin.“ Ich vielleicht auch.

Erschienen in:

Anders handeln „Sünde“. Ein Themenheft von Andere Zeiten e.V. Ausgabe 2.2020