Mensch, werde wesentlich

Vor etwa einem Jahr hat es Klick gemacht. Da stellte mein Mann die Gelbe Tonne zum Leeren an den Straßenrand, kam zurück und sagte: „Die ist schon wieder voll“. Wir – ein Zwei-Personen- Haushalt – produzierten Monat für Monat rund 150 Liter Plastikmüll. Wahnsinn. Auf einmal wollten wir das nicht mehr. Und starteten unser Plastikfasten-Projekt. Brauchten unsere Shampoos und Duschgele auf und tauschten sie gegen Seifenstücke ein. Kauften Milch und Joghurt in Pfandflaschen aus der Region, Zahnputztabletten statt Paste in der Tube, loses statt verpacktem Obst und Gemüse. Benutzten Bienenwachstücher statt Alu- und Frischhaltefolie und füllten Müsli und Nudeln im Unverpackt-Laden in eigene Behälter ab. Die Belohnung: ein gutes Gefühl und immer weniger Abfall in der Tonne. Mittlerweile hat sich das Leerungs-Intervall von einem auf vier Monate erhöht, sechs Monate sind das Ziel. Unser Ehrgeiz ist geweckt.

Eisberg voraus

Angesteckt hat uns das Überdruss-Virus, das sich seit einigen Jahren rasant ausbreitet. Auto- und CO2-Fasten, Fleisch- und Zuckerverzicht, Digital Detox und Zero Waste sind ein Megatrend. Notgedrungen. Denn wir haben es übertrieben. Wir sind zügellos geworden beim Essen und Shoppen, beim Fliegen und Auto fahren, beim Strom- und Wasserverbrauch. Wir – das meint uns Wohlstandsverwöhnte in den Industrienationen. Wenn alle so lebten wie die Europäer, wären fast drei Erden nötig, um den Ressourcenverbrauch nachhaltig zu ermöglichen. Wenn alle so lebten wie die Nordamerikaner, wären es sogar knapp fünf Erden. Wissenschaftler mahnen seit Jahren, dass es so nicht weitergehen kann. Bei einer Tagung amerikanischer Klimawandel- Experten Anfang dieses Jahres sagte Jerry Brown, der frühere Gouverneur von Kalifornien: „Wir sind fast wie die Reisenden auf der ‚Titanic’, die den Eisberg vor sich nicht sehen, während sie die Speisen und die Musik genießen“.

Ersatz finden statt leiden

Manche von uns sind der Horrorszenarien überdrüssig geworden. Aber es hilft nichts, wir müssen ran an den Speck. „Unsere Erde braucht radikales Engagement“, sagt der Kapuzinerpater Niklaus Kuster. Wir müssen lernen, zu verzichten, auch auf Liebgewonnenes. Das ist nicht leicht. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte der Neurowissenschaftler Michael Niedeggen, warum das so ist: Wenn wir uns etwas gönnen wollen – ob nun Schokolade oder ein Steak, ob mal schnell nach London fliegen oder Shoppen gehen –, schüttet das Gehirn schon bei der Aussicht darauf Glückshormone aus. Versagen wir uns den Genuss, erzeugt unser Gehirn Frustgefühle, schlechte Laune ist die Folge. Soll die Entsagung dauerhaft gelingen, müssen wir einen Ersatz finden für das ursprüngliche Begehren. Im Idealfall sollte dieser Ersatz einem höheren Ziel verpflichtet sein als dem schnellen Lustgewinn. Wegen meines Plastikfastens habe ich beispielsweise eine Joghurtsorte, die ich sehr liebe und die es nur im Kunststoffbecher gibt, vom Einkaufszettel gestrichen. Das schmerzt ein wenig. Aber mein Anliegen, einen Teil zur Bewahrung der Schöpfung beizutragen, ist mir wichtiger.

Fastenzeit wagen

Welches Begehren will ich bändigen, und warum will ich das tun? Und was könnte an dessen Stelle treten, damit ich trotzdem gut lebe und nicht verbiestere? Sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, kann ein Vorhaben für die österliche Bußzeit, für die Fastenzeit sein.

Herauszufinden, woran ich hänge, wovon ich möglicherweise abhängig bin. Zu ergründen, was ich wirklich brauche, zu meinem Trost, zu meinem Glück. Und was mir vielleicht nur den Blick verstellt: auf etwas Größeres, Bedeutenderes. Als der Sozialpsychologe Jens Förster in eine kleine Wohnung umzog und sein Auto abschaffte, fragte er sich, wer er denn eigentlich sei, ohne das ganze Brimborium. Und fühlte sich befreit von der Sorge um allzu viele Dinge, empfand die Reduktion als reinigenden, klärenden Prozess.

Schichten abtragen und etwas freilegen. Ausprobieren, ob es auch anders geht. Ein angemessenes Maß einüben angesichts der überbordenden Fülle. Und die große Frage wagen: Welche Werte sind Richtschnur für mein Leben? Mensch, werde wesentlich. Sieben Wochen haben wir Zeit dafür. Machen Sie mit?

Interview

Mit geöffneten Händen

Ordensleute verzichten von Berufs wegen: auf privates Eigentum, auf Partnerschaft, auf persönliche Selbstbestimmung. Ein Gespräch mit Schwester M. Veronika Stolze von den „Armen Schwestern vom Heiligen Franziskus“ über große Freiheiten und gute Vorsätze.

Zu verzichten fällt den meisten von uns schwer. Wie geht es Ihnen damit?

Verzichten bedeutet für mich, frei zu werden. Wenn ich wollte, könnte ich mehr besitzen. Aber das würde ich als Ballast empfinden. Bekomme ich etwas geschenkt, stelle ich es der Gemeinschaft zur Verfügung und bin im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert. Materielles engt mich viel zu sehr ein. Als ich vor 40 Jahren eingetreten bin, waren unsere Zimmer ganz karg.

Mittlerweile können wir sie individuell gestalten. Einerseits ist das schön. Andererseits besteht die Gefahr, dass ich dort zu viel ansammle. Ich muss immer abwägen, was ich wirklich brauche.

Etwas zu besitzen, hat auch seine schönen Seiten.

Ja, aber wenn ich viel habe, muss ich darauf aufpassen und dafür sorgen. Wenn ich weniger besitze, brauche ich auch weniger festzuhalten – meine Hände sind frei und offen.

Sie leiten im Aachener Mutterhaus Ihres Ordens die Franziska-Schervier-Stube, eine Einrichtung für Menschen in Not. Wie nehmen Sie die Situation von Frauen und Männern wahr, denen nichts anderes übrig bleibt, als zu verzichten?

Für die meisten unserer Gäste ist das sehr hart, es ist der pure Mangel. Es ist bitter, wenn man in den Geschäften all die Waren sieht und sich kaum etwas davon kaufen kann. Verzicht positiv zu bewerten, muss man sich leisten können.

Bald beginnt die siebenwöchige Fastenzeit. Nehmen Sie sich dafür etwas vor?

Zu Beginn überlegen wir, was wir uns als Konvent vornehmen. Zum Beispiel, nur einmal pro Woche Fleisch zu essen oder bewusster wahrzunehmen, wie wir miteinander umgehen. Jede Einzelne formuliert auch noch einen Vorsatz für sich persönlich. Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr in die Stille zu gehen. In jeden Fall will uns die Fastenzeit im Innersten anrühren und wieder den Blick für das Wesentliche, für Gott schärfen. Denn, so hat es der Kapuzinerpater Ludger Ägidius einmal gesagt, wenn Fasten nur Quark ist, dann ist es „Quark“.

Erschienen in:

Mitgliederzeitschrift der kfd, 3/2019