Mitten unter uns

Sie ist 14, als ein fremder Mann sie aus ihrer westafrikanischen Heimat nach Europa lockt. Zuhause droht ihr die genitale Verstümmelung, in der Fremde erwarten sie eine Ausbildung und ein schönes Haus. Sagt der Mann. 

Nein, das wird sie auf keinen Fall mit sich machen lassen. Dass die Frauen mit einem Messer an ihr herumschneiden. Dass sie schaben und kratzen, so lange, bis alles weit und groß genug ist. Dass sie ihre Vagina passend machen für den Bräutigam, den ihr Vater für sie ausgesucht hat. Einige ihrer Freundinnen sind krank geworden durch die rostigen Klingen, eine ist sogar verblutet. Auf keinen Fall will sie sich wie ein Tier aufschneiden lassen. Als der Tag ihrer Hochzeit naht, weiß sie, dass sie verschwinden muss, ganz schnell, ganz allein. Da ist sie 14. 

Sieben Jahre später sitzt sie auf einem Sofa irgendwo in Bayern, über 4000 Kilometer von Zuhause entfernt, in einem Beratungszimmer der Hilfsorganisation Solwodi. Rot-schwarze Tupfen auf weißem Hintergrund hängen eingerahmt an der Wand. Ein Glastisch, zwei Stühle, grasgrüner Teppich – fertig. Keine Fotos, keine Namen, keine genauen geografischen Angaben, das waren die Bedingungen für das Gespräch. In diesem Text soll die junge Frau deshalb Yamina heißen. Eine schwarze Wollmütze, lang und schmal wie ein Schlauch, fällt ihr in den Nacken, die Strickjacke und die Leggins sind ebenfalls schwarz. Lippen, Fingernägel und Ballerinas leuchten pink. Auf dem Schoß liegt ihr fünf Monate alter Sohn. Sie hält sich fest an ihm, während sie ihre Geschichte erzählt. Ihre Augen fixieren die Tischplatte und schauen die Besucherin nur bei der Begrüßung für einen Wimpernschlag lang an.

Seit über drei Jahren lebt sie in Bayern, kommt einigermaßen klar mit ihrem Deutsch. Aber jetzt spricht sie Englisch, dieses abgehackte afrikanische Englisch, das so gerne die Vokale verschluckt. Ihre Geschichte braucht die vertraute Sprache, damit fühlt sie sich wohler. Neben ihr stehen Kleenex-Tücher, für alle Fälle. Zwei Armlängen entfernt sitzt Anna Wagner, die Beraterin von Solwodi, und passt auf sie auf. Auch Anna Wagner heißt in Wirklichkeit anders. Kein Hinweis, kein Name soll Yamina gefährden. Die Angst, entdeckt zu werden, ist immer noch groß, die Furcht vor diesem Mann sitzt tief.

Dieser Mann. Nachdem Yamina vor der Beschneidung aus ihrem Heimatdorf geflohen ist, hat er sie in einem Bus aufgegabelt, irgendwo in Westafrika. Er hörte dem weinenden Mädchen zu, versprach ihr Hilfe und das Blaue vom Himmel. In Sicherheit würde er sie bringen, ganz weit weg, nach Europa, wo man die Mädchen nicht aufschneidet. Dort könne sie zur Schule gehen, eine Ausbildung machen, in einem schönen Haus leben und arbeiten. Ob sie das wolle? Natürlich wollte sie, „Europe is a very big thing in Africa“ – Europa ist in Afrika ein richtig großes Ding.

Klar, der Mann würde Ausgaben haben und viel bezahlen müssen: ihre Papiere, den Flug, die Unterbringung, das Startgeld für ihre Ausbildung. Insgesamt etwa 55.000 Euro. Aber das könnte Yamina ihm zurückgeben. Abarbeiten mit einem guten Job, den er ihr beschaffen wollte. Länger als ein Jahr würde es auf keinen Fall dauern, dann wäre sie frei. „Europe – oh my god“. Sie willigt ein, alles kein Problem. Alles gelogen. Fast alles, denn einige Wochen später landet Yamina zusammen mit dem Mann tatsächlich in Europa, in Österreich. Auf der Fahrt vom Flughafen sieht sie die Straßen, die Bäume, die Häuser – „wonderful“. Der Mann bringt sie zu einem Haus, das hinter einer dichten Hecke liegt. Wo dieses Haus genau war? Schulterzucken.

Sie steigt aus dem Auto aus, nimmt ihr Gepäck und geht hinein. Da weiß Yamina noch nicht, dass sie das Haus in den nächsten vier Jahren nicht mehr verlassen wird. Weder zum Einkaufen, noch zum Spazierengehen, weder für einen Arzttermin, noch für einen Friseurbesuch. Anna Wagner sagt: „Bei unserem ersten Spaziergang war sie schon nach ein paar Minuten erschöpft. Und sie hat sich über die Bäume gewundert, die kein Laub hatten. Ob die krank sind, hat sie mich gefragt“.

In diesem Haus erfährt Yamina, wie sie ihre Schulden zurückzahlen soll. Sie kapiert es nicht, muss nachfragen. Weint. Warum weinst du, fragt der Mann. Schließlich machen das alle Frauen, die nach Europa kommen. Ihren Körper verkaufen, mit Männern schlafen. Während Yamina davon erzählt, auf dem beigen Kunstledersofa in dem Beratungszimmer mit den Tupfen an der Wand, wird ihre Stimme immer leiser, ihre Hände fahren an dem Baby auf und ab. Später, als sie hinausgeht, um das Kind zu wickeln, sagt Anna Wagner, dass Yamina im Schnitt fünf Freier täglich bedienen musste. Und dass sie einen Fernseher und Videos in ihrem Zimmer hatte, zum Lernen und Üben. Sie hatte ja keine Ahnung, sie war ja erst 14. 

Ans Weglaufen ist in dieser Zeit nicht zu denken. Immer ist da irgendein Mann, der sie nicht aus den Augen lässt. Und natürlich der Zauber: Juju, ein Ritual aus Yaminas Heimat. Vor ihrer Reise nach Europa musste sie einem Priester schwören, ihre Schulden auch wirklich zurückzuzahlen. Falls nicht, würden böse Geister sie heimsuchen und Krankheit und Tod bringen. Bei der Zeremonie hat der Priester Yamina einen Nagel abgeschnitten und behalten. Jetzt hat er sie in der Hand. 

Vier Jahre. Ein bis zwei Mal im Monat darf sie mit ihrer Mutter telefonieren, nie ist sie dabei ungestört. Ihre Mutter denkt, dass sie in Europa einen Putzjob hat, dass alles gut ist. Nichts ist gut, denn nach vier Jahren hat Yamina erst 24.000 Euro zurückgezahlt, die Geschäfte laufen schlecht. Der Mann entscheidet, dass sie woanders arbeiten soll.

Stundenlang fahren sie in einem Auto. Was das für ein Auto war? Keine Ahnung. Schließlich kommen sie in Deutschland an, in einer Stadt, „very big“. Der Mann braucht eine Pause. Er geht in eine Bar, einen Kaffee trinken. Yamina nimmt er mit. Sie stehen an der Theke. Sein Telefon klingelt, er wendet sich ab – und sie schnappt sich ihre Handtasche und rennt los. Raus durch die offene Tür, auf die Straße, in irgendeine Richtung, nur weg. Sie schlägt Haken, rennt, ganz schnell, rempelt dabei eine Frau an:

„Please, help me“. Die Frau starrt sie an, weicht zurück. „Help me, help me.“ Endlich kapiert die Frau, fasst sie an der Hand. Rein in die nächste Straßenbahn, zum Hauptbahnhof. Die Frau gibt sie ab bei der Bahnhofsmission und verschwindet. Yamina weint, sagt, dass sie Hunger und Durst hat, kriegt aber nichts runter, als man ihr Brot und Tee vorsetzt. Die Polizei kommt, befragt Yamina und ermittelt. Ohne Ergebnis. Der Mann und sein Auto bleiben unauffindbar. Bis heute.

Solwodi kommt ins Spiel, weil die Polizei die Organisation kontaktiert. Man ist gut vernetzt. Anna Wagner holt Yamina auf der Wache ab, organisiert für sie eine erste Unterkunft in einer Wohngemeinschaft für Frauen mit Gewalterfahrungen. Am Anfang schläft sie viel, „immer mit ganz vielen Decken und zusammengerollt wie ein Tier in seinem Nest“, sagt Anna Wagner. Sie bekommt Termine bei Ärzten und einer Psychotherapeutin, eine Sozialarbeiterin ist rund um die Uhr für sie erreichbar. Die Frauen der Hilfsorganisation vermitteln ihr einen Deutschkurs, eine Anwältin und nach ein paar Monaten eine Wohnung. Wer das alles bezahlt? „Wir“, sagt Anna Wagner, „finanziert durch Spenden und staatliche und kirchliche Zuschüsse“. 

Alles verdanke sie Solwodi, sagt Yamina heute. Sie ist eine von etwa 2200 Frauen, die die Beratungsstellen 2016 betreut haben. Und so wie es ausschaut, werden die Zahlen in diesem Jahr deutlich steigen. Immer mehr Mädchen und Frauen werden nach Europa verschleppt, wo sie sich prostituieren müssen. Der Markt ist brutaler geworden, die Ansprüche werden immer höher, die Mädchen immer jünger.

Anna Wagner war geschockt, als Yamina schwanger wurde. Von einem Mann, der aus demselben afrikanischen Land kommt wie sie. Der Vater kümmere sich nicht und Yamina verziehe dieses Kind. „Aber sie braucht es auch“. Yamina nickt, nimmt den Jungen hoch, drückt ihn an sich, schaukelt mit dem Oberkörper vor und zurück. 

Was soll die Zukunft bringen? Den Hauptschulabschluss, eine Ausbildung zur Friseurin, Geld und ein gutes Leben für ihren Sohn. Yamina genießt inzwischen subsidiären Schutz. „Staatlicherseits ist sie fürs erste in Sicherheit“, sagt Anna Wagner. „Aber ich habe Angst, dass der Mann, der sie hierhergebracht hat, immer noch sucht“. Und Yamina? Die hat auch Angst vor dem Mann. Und vor Juju.

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Erschienen in: Mitgliederzeitschrift der kfd, 6/2016