Vom Sinn des Staubes

Wie von Zauberhand wachsen sie nach: die Hosen und Pullover, Bücher, Zeitschriften und Kaffeebecher, die Stifte und Papiere. Gerade erst weggelegt, aufgeräumt, in Schubladen und Schränke verstaut, sind sie im nächsten Moment schon wieder da. Ganz ähnlich verhält es sich mit Staubkörnern und Wollmäusen, mit Fettspritzern und den Schlieren auf der Fensterscheibe. Kaum scheint ein Zustand von Ordnung und Sauberkeit erreicht, ist er vorüber. Hinten aufgehört, kann ich vorne gleich wieder anfangen. Und die Freude über das Ergebnis der mühevollen Arbeit hält nur kurz an.

Frustrierend. Dann doch lieber gleich alles liegen lassen? So wie die alte Bekannte, die – ganz munter und gesund – mit ihren 80 Jahren eines Morgens einfach keine Lust mehr hatte, sich zu waschen und anzuziehen. Genug in Ordnung gebracht, genug geputzt. Jetzt reicht’s.

Dass auch andere Menschen ihre liebe Not mit dem Aufräumen haben, zeigt die Fülle von Ratgebern in den Regalen der Buchhandlungen: „Nie wieder Chaos“, „Einfach aufgeräumt“, „Entrümpeln mit dem inneren Schweinehund“ oder „Magic Cleaning“ heißen die Titel. Und auf einer der Buchrückseiten stehen die mahnenden Worte: „Die äußere Ordnung wirkt ordnend auf das Innere“. Oh! Bedeutet das im Umkehrschluss, dass das Chaos auf dem Schreibtisch auf ein Chaos im Inneren verweist? Ein Durcheinander im Äußeren als Spiegel der inneren Befindlichkeit? Hat Ordnung noch eine tiefere Dimension, jenseits der Oberfläche?

Es fällt jedenfalls auf, dass spirituelle Wege großen Wert legen auf makellos geputzte Räume, auf Reinlichkeit. Als sich die Regisseurin Doris Dörrie wegen der Dreharbeiten zu ihrem Film „Erleuchtung garantiert“ in einem japanischen Zen-Kloster aufhielt, machte sie eine ironische Bemerkung über das ständige Putzen dort. Einer der Mönche entgegnete ihr: „Indem du die Zimmer herrichtest und die Böden putzt, bringst du dich wieder in Ordnung“. Und tatsächlich, der Selbstversuch bestätigt es. Ist mein Zimmer aufgeräumt und von Überflüssigem befreit, kommt mein Blick ebenfalls zur Ruhe. Er muss nicht umherirren zwischen Stapeln, Zusammengeknäueltem und Herumliegendem. Beruhigt und erholt im Äußeren, wird es auch innen drin übersichtlicher. Aufräumen als Seelenhygiene.

Beim Entrümpeln und Ausmisten des Kellers, der untersten Schublade oder des Kleiderschranks hat das wohl jeder schon einmal erlebt: Fast automatisch klärt sich der Geist – man fühlt sich rundherum befreit. Wenigstens für eine Weile.

In vielen Klöstern und Meditationshäusern, die Kurse für Besinnung und innere Einkehr anbieten, gehört es dazu, mindestens eine Stunde am Tag in Haus oder Garten mitzuarbeiten. Putzen, Räumen, Werkeln – das sind Tätigkeiten, die den ganzen Körper beanspruchen, die Seele und Leib zusammen bringen und vor allzu viel Kopfakrobatik bewahren. Deshalb sind sie wesentliche Bestandteile des geistlichen Weges.

Ora et labora – bete und arbeite, heißt es in der Regel des Benediktinerordens. Der Gründer dieses Ordens, der heilige Benedikt, hielt darin noch eine weitere Anweisung fest, für den Klosterverwalter: „Alle Geräte betrachte er als heiliges Altargerät“. Ob Staubwedel, ob Putzlappen, Computer oder Liegestuhl – alles hat Bedeutung, alles macht Sinn. Und alles ist mit Sorgfalt zu behandeln. Weil sie uns lehrt, dass jeder einzelne Augenblick des Lebens wertvoll ist und beachtet werden will, hat für Benedikt die Arbeit, die Hausarbeit, eine spirituelle Dimension.

Es lohnt sich, sich auf diese Perspektive eine Weile einzulassen: Aufräumen und putzen also nicht als lästige Pflicht zu begreifen, die schnell erledigt werden will. Sondern als Chance, intensiver zu leben. Das Geschirr, die Bücher, die Papiere bewusst in die Hand zu nehmen, um sie zu verräumen. Aufmerksam das Glas zu polieren und die Gedanken dabei für einen Augenblick nicht abschweifen zu lassen. Bei der Sache zu bleiben, wach zu sein. Es gibt zahlreiche Methoden, um den Verstand zu beruhigen, um zur eigenen Mitte zu finden: schweigend auf einem Meditationshocker zu sitzen gehört genauso dazu wie das Rosenkranzgebet oder der Drehtanz der Derwische im Islam. Aber auch das beständige Wischen mit einem Putzlappen, das mit seiner bewussten Wiederholung des immer gleichen Handgriffs in die Ruhe führen kann.

Ganz allmählich kann sich etwas verändern bei dieser Übung, und bisweilen leuchtet die Erkenntnis auf: Im scheinbar Kleinen zeigt sich das ganz Große. Und umgekehrt. Alles hat miteinander zu tun. Zum Beispiel die Erfahrung des ewigen Kreislaufs von Ordnung und Unordnung. Im Grunde ist sie ein Sinnbild für das Leben selbst: Für das Leben, das immer in Bewegung ist, in dem sich Freude und Schmerz fortwährend die Hand reichen – für das Kommen und Gehen. Staub zu Staub.

Der amerikanische Publizist Gary Thorp schreibt in seinem Buch „Zen oder die Kunst, den Mond abzustauben“: „Nach einer intensiven Wohnungsreinigung scheint der Staub verschwunden zu sein. Aber der Schein trügt; er ist nur anders verteilt. Und der Staub findet den Weg zu uns zurück. Dann stauben wir wieder ab. Es ist ein beständiges Fortgehen und Wiederkommen … So hinfällig und vergänglich der Staub scheinen mag, er liefert uns ein eindrucksvolles Lehrstück darüber, wie die Welt beschaffen ist“.

Im gleichen Buch erzählt Gary Thorp von einem Mönch, der voller Energie jedem Staubkörnchen hinterherjagte und alles polierte, was er nur konnte. Nach einiger Zeit sagte sein Lehrer zu ihm: „Bitte vergiss nicht: Gott zeigt sich auch im Staub“.

Ein Hinweis darauf, es mit dem Putzen nicht zu übertreiben und mal fünf gerade sein zu lassen. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit und für eine liebevolle, großzügige Haltung sich selbst gegenüber. Denn so bedeutungsvoll Klarheit und Sauberkeit sind – es gibt den Zustand einer Unordnung, die für Gemütlichkeit und wohlige Gefühle steht. Die halbleere Kakaotasse neben dem leicht verrutschten Bücherstapel, das verdrückte Kissen, gerade noch Stütze für den Kopf, Papiere auf dem Boden, die von Gedanken und Ideen zeugen. Untersuchungen mit Menschen, die in der Kreativbranche arbeiten, haben ergeben: Je chaotischer der Schreibtisch aussah, desto zündender waren die Einfälle.

Auch das gibt es, auch das darf sein. Lieber Staub statt Stress. Irgendwann stellt sie sich wieder ein, die Balance aus Durcheinander und Ordnung, aus Schmutz und blank Geputztem. Und nach getaner Arbeit, nach Wischen und Räumen, tut es gut, innezuhalten: sich zu freuen, dankbar zu sein, ausgiebig zu genießen. Schön gemacht.

Auf ein Neues.