Wenn der Nächste Hufe hat – oder Flügel

Rainer Hagencord, katholischer Priester und Leiter des Instituts für theologische Zoologie in Münster, fordert von den Kirchen einen Kurswechsel in Sachen Tierethik. Ein Gespräch über die Liebe Gottes zum Tier, Esel als Brüder und über die Frage, ob man Mücken töten darf.

Herr Dr. Hagencord, meinen Nächsten soll ich lieben wie mich selbst. So steht es unter anderem im Markusevangelium. Meint Jesus mit dem Nächsten nur Menschen? Oder auch die Tiere?

Schön, dass Sie das Markusevangelium zitieren. Es ist nämlich das einzige, das mit den Worten endet „Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“. Mit diesem Schluss ist eine Brücke geschlagen zu der Aussage „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Diese beiden Stellen sind wie ein Konzentrat für eine „Theologie mit dem Gesicht zum Tier“.

Die Tiere sind mitzudenken an diesen Stellen?

Ja, manches im Neuen Testament ist sehr knapp gehalten. Denn Adressaten waren Gemeinden, die selbstverständlich das Alte Testament kannten und Anspielungen einordnen konnten. So erzählt das Markusevangeliums, dass Jesus vor seinem öffentlichen Wirken in der Wüste bei den wilden Tieren lebte. Damit werden Bezüge hergestellt: zu Adam, der im Garten Eden ebenfalls bei den wilden Tieren lebte. Und zu der berühmten Friedensvision bei Jesaja, in der sich nach der Ankunft des Messias Kuh und Bärin anfreunden und der Löwe Stroh frisst. Das alles sind Hinweise auf den neuen Adam, auf Jesus, der eine Theologie ohne Gewalt verkörpert, die auch die Tiere miteinschließt.

Also liebt der Gott der Bibel die Tiere?

Im ersten Schöpfungsbericht sind die Tiere die zuerst Gesegneten. Im Garten Eden werden sie Adam zugeführt, damit er sie benennt. Tiere sind Lehrer und Vorbilder für Hiob und Bileam und Bündnispartner Gottes nach der Sintflut. Wir können eine ganze Reihe biblischer Bilder finden, die die Aussage erlauben, dass Gott die Tiere liebt.

In der Bibel steht aber auch der Satz „Macht Euch die Erde untertan“. Der Publizist Karl-Heinz Deschner hat ihn einmal als das „umfassendste Unterjochungs- und Todesverdikt der Geschichte“ bezeichnet.

Mit diesem Satz sind nicht Gewalt und Unterdrückung gemeint. Vielmehr ist uns damit die Verantwortung für die Schöpfung aufgetragen worden. Wir Menschen als Gottes Ebenbilder, als seine Stellvertreter, müssen Sorge tragen für die Schöpfung – liebevoll und barmherzig. An uns soll die Welt erkennen, wie Gott ist.

Dann ist er 2000 Jahre missverstanden worden.

Ja, und grundlegend aufgeräumt mit diesem Missverständnis hat erst Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si‘. Er hat aus dem Satz ein Wortspiel gemacht: Aus „Macht Euch die Erde untertan“ wurde „Macht Euch der Erde untertan“. Wir müssen uns von einem Christentum verabschieden, das die völlige Verzweckung und Unterjochung daraus ableitet.

Davon ist bei den Kirchen – zumindest bei der katholischen – aber nur wenig zu spüren.

Beim Reformprozess „Synodaler Weg“ kommt die Zerstörung der Ökosysteme gar nicht vor. Laudato si‘ fordert dazu auf, endlich den Schrei der Mutter Erde zu hören. Die deutsche Kirche verschließt ihre Ohren. Ihr geht es immer noch vorrangig um die Frage, wie der Klerus seine Macht aufrechterhalten kann.

Und wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Tieren? Ist es eine Liebesbeziehung?

Wenn Liebe eine Grundhaltung ist – ja. Es führt ins Unheil, wenn ich unterscheide, wen ich liebe und wen nicht. Als Evolutionsbiologe weiß ich, dass wir mit allem verwandt sind. Wenn eine Theologie immer noch so tut, als sei die Erde nur für uns da und dass Gottes Liebe ausschließlich den Menschen gelte, halte ich das für Häresie und für eine Verzwergung Gottes.

Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier?

Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Graben zwischen uns und den anderen Tieren. Aus theologischer ist die Verantwortung das größte Unterscheidungsmerkmal. Und es wird höchste Zeit, dass wir uns dieser Sonderstellung bewusstwerden. Wir haben die Freiheit, das eine zu tun und das andere zu lassen. Der Löwe, der das Zebra jagt, hat das nicht. Als Evolutionsbiologe füge ich aber wiederum hinzu, dass das Phänomen moralischen Handelns oder das Phänomen der Einsicht in eigenes Tun auch nicht vom Himmel gefallen, sondern evolutiv geworden sind.

Zum Stichwort Verantwortung: Im Bereich der Tierethik gibt es die Forderung, Tieren in Parlamenten eine Stimme zu verleihen, vertreten durch menschliche Anwälte. Ist eine politische Theorie der Tierrechte berechtigt?

Das Artensterben nimmt immer dramatischere Ausmaße an. In den 1970er-Jahren erschien der aufrüttelnde Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums. Hätten wir bereits damals die Bedürfnisse der Tiere berücksichtigt und unseren Mitgeschöpfen Rechte zugestanden, hätten wir heute nicht dieses Elend. Tiere haben Persönlichkeit, daher müssen sie auch Rechte erhalten. Selbst formulieren sie sie nicht. Deshalb wird es Zeit für eine Anwaltschaft. Das wäre auch kompatibel mit den Wertschätzungen, die wir in der Bibel über die Tiere finden. Sie stammen von Menschen einer agrarischen Kultur, die ein tiefes Verständnis von den Zusammenhängen zwischen tierlichem, menschlichem und pflanzlichem Leben hatten.

Sie sagen „tierlich“ statt „tierisch“?

Tierisch hat einen negativen Beigeschmack. Tierlich ist angemessener, es ist ein analoger Begriff zu menschlich.

Zum Institut für Theologische Zoologie gehören die Esel Freddy und Fridolin. Wenn der Stall in Flammen stünde, in dem sich die beiden und ein menschlicher Angehöriger von Ihnen befänden – wen würden Sie zuerst retten?

Diese Art von Fragen geht auf Peter Singer zurück. Der Philosoph und Vordenker der Tierrechtsbewegung will mit dieser Provokation aufrütteln. Er will den Finger in die Wunde des neuzeitlichen Denkens legen, in dem nur der Mensch eine Würde hat und Person ist. Singer wendet sich damit gegen die Haltung des Speziesismus.

Der Begriff Speziesismus ist analog zu Rassismus und Sexismus gebildet und wertet Tiere ab, weil sie einer anderen Spezies als der Mensch angehören.

Ja, wir müssen ihn dringend überwinden Dennoch steht nicht allen alles zu, sondern jedem und jeder das seiner und ihrer Art gemäße.

Die Frage nach dem brennenden Stall möchten Sie trotzdem nicht beantworten?

Sie ist mir zu konstruiert. Ich kann nur sagen, dass ich die Esel als meine Brüder erlebe. Und als Segensspender, vor allem für Menschen aus therapeutischen Einrichtungen. Sie sind vollkommen präsent und begegnen uns Menschen vorbehaltlos.

Wenn ich das Grundprinzip der Gleichheit von Peter Singer oder – religiös gesprochen – das Gebot der Nächstenliebe konsequent anwende: Dürfte ich dann auch nicht mehr die Mücke töten, die mich stechen will?

Nun ja, es gibt immer noch die Notwehr. Unsere Esel werden panisch, wenn sie von Bremsen befallen werden. Deshalb haben wir eine Falle aufgestellt, die die Bremsen tötet. Zugleich schaffen wir auf unseren Beeten bewusst wieder Lebensraum für andere Insekten. Das ist ein ethisches Dilemma, eine absurde Situation, die nicht auflösbar ist.

Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst – was fordern Sie von Christinnen und Christen?

Sich für ökologische Landwirtschaft stark zu machen. Sich zu fragen, ob es ein moralisch relevantes Argument für den Fleischkonsum gibt. Es gibt keins. Die Wälder im Amazonas-Gebiet brennen vor allem, um dort Rinder grasen zu lassen oder Soja für die industrielle Tierhaltung anzubauen.

Und schließlich die Natur als Ort der Gotteserfahrung zu würdigen und zu entdecken. Denn bei allem Nutzen, den die Digitalisierung mit sich bringt: Um die ökologische Katastrophe zu bewältigen, hilft keine virtuelle Welt, sondern nur die Leidenschaft für alles Lebendige.

Erschienen in:

Anders handeln „Nächstenliebe“, Themenheft von Andere Zeiten e.V. Ausgabe 1.2021