Wie im Himmel

Im Augsburger Uniklinikum legt Monika Perret schwerkranken Menschen die Hände auf. Was die Methode so wertvoll macht – und wo ihre Grenzen liegen. Ein Stationsbesuch
Eine Hand auf einem Arm

Sternförmig sind die vier Riegel aus Beton und Stahl ineinandergeschoben, türmen sich 16 Stockwerke hoch in den Himmel. Mit 6000 Angestellten und 1700 Betten ist das Augsburger Uniklinikum eines der größten Krankenhäuser Deutschlands. Draußen stehen die Menschen wie ein Lindwurm vor dem Eingang und warten auf die Registrierung, wegen Corona. Innen herrscht ein Trubel wie im Kaufhof kurz vor Weihnachten. Eine Rolltreppe führt in den ersten Stock. Im fünften ist die Palliativstation. Auf dem Empfangstresen eine Kerze und ein Blumenstrauß, an den Wänden Aquarelle in Pastell. Die Namensschilder an den Türen zu den acht Patientenzimmern sind leer. „Der Datenschutz“, sagt Monika Perret. Die 57-Jährige – goldbraunes, kurz geschnittenes Haar, ein Blick, der nicht ausweicht – ist Fachkrankenschwester für Palliativ Care. 40 Jahre arbeitet sie schon als Krankenschwester, über 20 davon auf der Intensivstation. Sterben, Tod und Trauer begleiten ihr berufliches Leben. Sie erzählt davon draußen in der Sonne, auf dem Balkon der Station, mit Blick über die Stadt. Viele Fortbildungen hat Monika Perret besucht. Bei einer legt ihr jemand die Hände auf. „Das war eine Erfahrung, die alles verändert hat“, sagt sie rückblickend. Sie spürt Ruhe, Entspannung, Frieden. Es fühlt sich so gut an, es ist so einfach und doch so wirkungsvoll. Davon sollen auch ihre Patienten profitieren. Monika Perret will Handauflegen lernen, im professionellen Sinne. Denn an sich geschieht es intuitiv, als universelle Geste zwischenmenschlicher Zuwendung. Eine wortlose Form von Kommunikation, die bereits im Mutterleib beginnt und erst auf dem Sterbebett endet. Viele Kulturen und Traditionen praktizieren es als rituelle Geste, bei Weihe- und Segenshandlungen. Jesus soll durch Handauflegen geheilt haben, Paulus auch.

Es gibt einige Anbieter, die die Methode für therapeutische Zwecke lehren. Monika Perret hat sich in der Open Hands Schule von Anne Höfler ausbilden lassen. Das Besondere dort ist der spirituelle Ansatz, mit christlichen Bezügen und zugleich offen für andere Wege. Anne Höfler war Schülerin des Benediktiners und Zen-Meisters Willigis Jäger, Grundlage für ihr Verständnis vom Handauflegen ist die Kontemplation. Spirituell verankert zu sein ist auch der Katholikin Monika Perret wichtig. „Wir sprechen vor dem Handauflegen ein Gebet und am Schluss einen Segen. Damit zentriere und öffne ich mich und lasse am Ende auch wieder los.“ Das Gebet räume das eigene Wollen beiseite und öffne für den heiligen Raum, für die göttliche Kraft. Dein Wille geschehe. Stört das Menschen, die mit Religion nichts anfangen können? Nein, antwortet Perret. Sie biete das Handauflegen nur an, wenn sie Bereitschaft dafür spüre. Und wenn es der Patient wünsche, spreche sie Gebet und Segen still, nur für sich.

Beim Handauflegen können Kopf und Schultern, Rücken, Wirbelsäule und Gelenke, Bauch, Füße und sogar Organe behandelt werden. Je nachdem, was gerade stimmig ist. Ein feines Sensorium braucht es, um zu erspüren, was noch guttut und was schon übergriffig ist.

Als sie anfing mit dem Handauflegen dachte Monika Perret, sie müsse ganz viel machen und den ganzen Körper durcharbeiten. Im Laufe der Zeit hat sie Tempo und Umfang reduziert. „Weniger ist mehr, jetzt verweile ich lieber.“ Manchmal liegen die Hände nicht direkt auf, sondern halten Abstand zum Körper. „Ich kann auch allein mit meiner Präsenz und Aufmerksamkeit berühren. Wichtig ist es, da zu sein“, sagt Perret.

Auf der Palliativstation integriert sie das Handauflegen in die Pflege. Einmal hat eine an Krebs erkrankte Frau, die keine Chemotherapie mehr wollte, sie um eine längere Sitzung gebeten. „Das ist wie im Himmel“, hat die Patientin gesagt. Niemals jedoch dürfe einem Menschen der Eindruck vermittelt werden, dass seine Krankheit durch das Handauflegen verschwinde, dass er physisch geheilt werde. Aber Symptome wie Atemnot, Angst oder Unruhe können gelindert, das Leiden könne erträglicher werden. Oder das Sterben leichter.

Handauflegen kann dazu führen, dass die Atmung tiefer und regelmäßiger wird, dass sich der Herzschlag beruhigt und der Blutdruck sinkt. Das lässt sich neurochemisch erklären: Werden taktile Reize als positive Berührungen wahrgenommen, schüttet der Körper das Bindungs- und Gute-Laune-Hormon Oxytocin aus. Gleichzeitig nimmt der Pegel des Stresshormons Cortisol ab. Blockaden können sich dadurch lösen, man entspannt.

Laut einer Umfrage sehnt sich jeder dritte Deutsche nach mehr Berührung. Darunter viele alte Menschen, die im Heim leben. Als die Corona-Schutzverordnung den Körperkontakt zwischen Heimbewohnern und ihren Angehörigen untersagte, war das für manche kaum auszuhalten. Heimleitungen berichteten von Menschen mit Demenz, die begannen, sich gegenseitig zu umarmen. „Berührungen haben einen Stellenwert wie die Luft zum Atmen“, sagt Martin Grunwald vom Haptik-Forschungslabor der Universität Leipzig. Eine Pilotstudie des schweizerischen Instituts Neumünster und des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich fand heraus, dass sich nach dem therapeutischen Handauflegen Wohlbefinden und Zufriedenheit bei Menschen in der Langzeitpflege signifikant verbesserten, körperliche Beschwerden nahmen ab. Krankenhäuser wie das St. Gertrauden in Berlin haben die Methode mittlerweile in ihren Behandlungsalltag integriert, in den USA und Österreich wird sie an vielen Krankenpflegeschulen als die Schulmedizin ergänzende Intervention gelehrt.

Vom Balkon aus führt der Weg durch das sogenannte Wohnzimmer in den Raum der Stille. Hell gestrichen, mit einer beleuchteten Wandnische für ein Erinnerungs-Buch und ein transportables Kreuz, ist er Rückzugsmöglichkeit für Patienten und Angehörige. Wenn jemand verstorben ist, trifft sich hier das Team. Alexandra Geist, eine Kollegin von Monika Perret, kommt in diesem Raum dazu. Seit 22 Jahren ist sie Krankenschwester, jahrelang hat sie sich wie verheizt gefühlt im normalen Klinikalltag. Auf der Palliativstation hat sie erlebt, dass es auch anders geht – „menschlicher“. Nicht mehr missen möchte sie das Handauflegen, die Patienten nähmen es so schön an, die Berührung, die Ruhe, die Zeit. Eng verknüpft werde man da miteinander. Es sei schwer, Worte dafür zu finden. Aber vielleicht ein Bild? Beim Handauflegen, sagt Alexandra Geist, ist es, als würde eine Hülle entstehen. Eine Hülle, in der es warm wird, in der man loslassen kann. Wie eingekuschelt.

Nie habe sie in all den Jahren schlechte Erfahrungen mit der Methode gemacht, sagt Monika Perret. Wobei Methode eigentlich das falsche Wort ist. Handauflegen sei eine Haltung. Man übe sich darin, achtsam zu sein, wie durchlässig. Das wirke sich auf das ganze Leben aus. „Es hat mich Dankbarkeit und eine tiefe Liebe zum Menschsein gelehrt.“ Und eine andere Beziehung zu ihrem Körper, speziell zu den Händen. Pflegt sie sie auch intensiver? Mit einer besonderen Creme? „Nur nicht!“ Monika Perret lacht. Dann pappe ja alles. Aber oft lege sie sich selbst die Hände auf, spreche dabei das Gebet. Abends, im Bett. Oder vor schwierigen Gesprächen. „Es ist so einfach, von der äußeren Hektik in die innere Ruhe zu kommen. Schließlich haben wir unsere Hände immer dabei.“


Gebet vor dem Handauflegen

Möge die göttliche heilende Kraft durch uns fließen,

uns reinigen, stärken und heilen,

uns erfüllen mit Liebe, heilender Wärme und Licht,

uns schützen und führen auf unserem Weg.

Wir danken dafür, dass dies geschieht.

Anne Höfler