Zurück zur Natur

Haben Sie schon von Shinrin Yoku gehört? Nein? Ich bis vor kurzem auch nicht. Dabei ist dieser Begriff seit über 30 Jahren bekannt, zumindest in Japan. Übersetzt heißt Shinrin Yoku „Waldbaden“. Oder auch „eintauchen in den Wald“. In beiden Fällen verbirgt sich dahinter eine anerkannte und staatlich geförderte Gesundheitsmaßnahme. Reizüberflutete japanische Großstädter können in über 60 Heilungszentren an Fichtennadeln riechen, dem Rauschen der Blätter lauschen, mit der Hand über moosbewachsene Steine streichen. „Waldbaden“ bedeutet, den Wald als Therapieraum, als Wellness-Oase zu nutzen, in der sich Gesundheit und Wohlbefinden steigern lassen.

Das klingt befremdlich. Aber Shinrin Yoku ist das Ergebnis fundierter wissenschaftlicher Studien. Umgeben von Bäumen und Vogelgezwitscher, weit weg von Großstadtlärm, Autoabgasen und digitaler Dauerberieselung wird der Atem tiefer und der Herzschlag ruhiger. Die mentale Erschöpfung lässt spürbar nach, der Stresspegel sinkt. Das kennt vermutlich jeder. An der medizinischen Fakultät in Tokio konnten es Forscher vor einigen Jahren auch nachweisen: Nach einem Tag in einem Waldgebiet erhöhte sich bei den Versuchspersonen die Zahl der sogenannten natürlichen Killerzellen im Organismus um fast 40 Prozent. Das Immunsystem und seine Abwehrkräfte wurden deutlich gestärkt. Der Wald ist, so die in Japan geschulte Autorin Melanie Adamek, die „natürliche Antwort auf Psychostress und Zivilisationskrankheiten“.

Was ist so heilsam am Wald? Unter anderem die Duftstoffe, die die Bäume absondern, sogenannte Terpene. Die Stille. Und die Farbe Grün. Wie keine andere symbolisiert sie Wachstum und Leben, Frische und Hoffnung. Das stimmt uns froh und zuversichtlich. „Grün ist die Farbe der Gnade, Grün die Farbe des Glücks“, schreibt die Dichterin Rose Ausländer. Auf Hildegard von Bingen geht der Begriff der Grünkraft zurück, die allen Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien innewohnen soll. Nach Hildegard bildet sie die Grundlage von Heilung.

Die verlorene Idylle suchen
Nicht nur der Wald tut uns gut. Es ist die Natur insgesamt. Almen und Berge, der Blick übers Meer, der Frosch im Teich, die Biene in der Mohnblüte. Und selbst die gebändigte, die Stadt-Natur vermag uns zu erfreuen: Parkanlagen und Hinterhofgärten, Alleebäume und Blumenkästen. Wildwuchs auf dem Friedhof und Löwenzahn in Pflasterfugen.

Dabei ist unsere Liebe zu alledem noch gar nicht so alt. Jahrtausende lang hütete man sich vor undurchdringlichen Wäldern, endlos scheinenden Meeren und unbezwingbaren Bergen. Nie wäre es einem Menschen der römischen Antike in den Sinn gekommen, freiwillig und aus Lust an der Freude einen Gipfel zu besteigen. Viel zu gefährlich. Sein Ideal war die gezähmte, gestaltete Natur.
Aber mit zunehmender Industrialisierung und Technisierung begehren wir wieder das Wilde, das Ursprüngliche – auch wenn die unberührten Rückzugsräume so gut wie nicht mehr existieren. Je mehr wir verstädtern und je stärker unsere Umwelt durch Klimawandel und Raubbau bedroht ist, umso größer wird die Sehnsucht nach allem, was natürlicherweise wächst, kreucht und fleucht. In den Ballungsräumen setzen sich am Sonntag die Menschen zu Zehntausenden in Bewegung, um auf Wiesen zu liegen, in einem See zu baden oder um einen Berg zu erklimmen.

Theologisches Schlüsselthema
Für manche bedeutet das nicht nur Erholung. Es hat eine geradezu religiöse Dimension. „Im Grünen fühle ich mich Gott näher als in der Kirche“, gestand mir kürzlich eine Freundin. Die Schöpfung als Ort der Gottesbegegnung? Das sei vor 40 Jahren noch verpönt gewesen, sagt der evangelische Pfarrer Andreas Ebert. Mittlerweile habe sich jedoch ein Wandel vollzogen. Laut Ebert nahmen maßgeblich die ökologische Krise und der 1983 ins Leben gerufene „Konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ Einfluss darauf, dass sich Christinnen und Christen auf ihr Verhältnis zur Natur neu zu besinnen lernten. Der Ansatz, dass wir ein Teil dieser Natur sind und nicht das sie beherrschende und regulierende Gegenüber, ist allerdings erst durch nicht-kirchliche Bewegungen ins christliche Bewusstsein gesickert. Zu stark war wohl der Einfluss einer Theologie, die über Jahrhunderte nahezu alles Natürliche zugunsten der geistigen Welt abwertete. Die die Natur lediglich als Objekt definierte und sich vor allem auf ihre Erlösungsbedürftigkeit konzentrierte. Inklusive der Sündhaftigkeit und Verlorenheit des Menschen in dieser Welt.

Moderne Theologie klingt da ganz anders: „Schöpfung ist nicht ein beliebiges theologisches Thema neben anderen Themen, sondern theologisches Schlüsselthema“, sagt zum Beispiel der Hochschullehrer Andreas Benk. Und Beda Maria Sonnenberg, Abt der Benediktinerabtei Plankstetten, plädiert in einem Interview dafür, die Natur als Offenbarungsquelle zu betrachten: „ … als eine, die womöglich untrüglicher ist als alle Formen menschlicher Verschriftlichungen. Die Natur zeigt uns Gott in bisher wenig beachteten Kontexten. Dann würden wir erkennen, dass wir Menschen nicht losgelöst auf der Erde leben, sondern dass wir mit allen Tieren, Pflanzen, Steinen ein großes Ganzes bilden. Die Umwelt wird so zur Mitwelt.“

Staunen lernen
Zurück zur Natur. Nicht nur, weil Bäume und Blumen den Blutdruck senken oder uns tiefer atmen lassen. Sondern auch, weil wir im Grünen so viel lernen. Demut zum Beispiel: angesichts eines fein austarierten und hochkomplexen Systems, das die Wissenschaften gerade erst zu verstehen beginnen. Oder Respekt: vor Gewalten und Kräften, die um so vieles stärker sind als wir. Oder Staunen: über die Schönheit und die verschwenderische Fülle der Tier- und Pflanzenwelt. Und Dankbarkeit. Weil es das alles gibt. Und wir mittendrin.

Erschienen in:

„Die Mitarbeiterin“, Werkheft der kfd, Ausgabe 5.2019